Der Krebs ist kein Haustier

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Nach der neuesten Krebsstatistik des Robert Koch-Instituts werden in diesem Jahr 450.000 Menschen an Krebs erkranken, davon ist Lungenkrebs die zweithäufigste Form. In sehr frühem Stadium noch heilbar, wird er leider nur selten rechtzeitig entdeckt, lässt sich im vorangeschrittenen Stadium nur noch bedingt therapieren, neigt zur Rezidivbildung und bildet daher eine eher ungünstige Prognose.

Der Anfang

Meine Freundin Ninon und ich lernten uns Ende 2009 in einer medizinischen Einrichtung kennen, deren Patienten wir beide für mehrere Wochen waren. Als ich sie das erste Mal sah, stand sie auf dem Flur vor dem Schwesternzimmer und trug – anders als alle anderen – einen Bademantel und Hausschlappen. Nach kurzem Blickwechsel sprach sie mich an, um sich nach dem morgendlichen Ablauf zu erkundigen, und bereits am Abend saßen wir äußerst heiter zusammen in der Dorfkneipe, wo sie mir den Genuss von Köstritzer Dunkel nahe brachte. Es passte einfach sofort. Wann immer es unsere freie Zeit erlaubte, gingen wir zusammen schwimmen, zum Yoga, besuchten Kurse und klapperten die Städte in der näheren Umgebung ab. Wenn Ninon müde war, sagte sie im schönsten Berliner Dialekt „Ik jeh uff Bude.“ Am wichtigsten aber waren die Gespräche. Mit identischem Krankheitsbild, jedoch ausgelöst durch grundverschiedene Problematik half die Sichtweise der jeweils anderen, den bisherigen Fokus zu verschieben, Gedanken zu ordnen, in andere Richtungen zu lenken und neue Denkimpulse zu setzen. Als sie eine Woche vor mir abreiste, waren wir nicht traurig, denn wir würden uns wiedersehen. Im Frühjahr des darauffolgenden Jahres besuchten mein Mann und ich sie und ihren Freund Rudi in Berlin. Rudi war ehemaliger Kneipier aus Neukölln und konnte wunderbare Geschichten rund um die Berliner Kiezszene erzählen. Zwei Sommer lang verbrachten wir großartige Abende bei Kerzenschein, Lampions und selbstgebrannten Schnaps in ihrem Schrebergarten. – Dann fing Ninon an zu husten. Erst wenig, dann immer mehr. Die Diagnosen reichten von Bronchitis über Asthma, bis die Enddiagnose feststand: Inoperabler Lungenkrebs. Das war 2012.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

In den nächsten vielen, vielen Monaten sahen wir uns wenig, schrieben uns aber umso mehr. Ninon mochte keine anderen Menschen als ihre Tochter Nadja und Rudi um sich herum haben. Sie hatte ihren Mann einige Jahre zuvor an Speiseröhrenkrebs verloren und wusste, was ihr bevorstand. Der Tumor an ihrer linken Lunge hatte Metastasen im Rippen- und Halswirbelbereich gebildet. Sie bekam mehrere Zyklen Chemotherapie, besuchte aus eigener Initiative heraus ungezählte Heilpraktiker, schluckte sogenannte „Lebenspillen“, durfte Dank der Fürsprache des sie behandelnden Professors an einem Hyperthermie-Programm teilnehmen, in dem der Körper durch elektromagnetische Wellen künstlich auf eine Temperatur von 40 – 44° erwärmt wird, wurde häufiger Gast in einer Beratungsstelle für Krebskranke, absolvierte daheim Atemübungen und besuchte sogar einen „Wunderheiler“, als dieser sich für mehrere Wochen in Dänemark aufhielt und Heilung durch bloßes Handauflegen versprach. – Manchmal gab es gute Nachrichten: Die letzte Computertomographie war stabil, das Tumorwachstum hatte zumindest Status idem erreicht. Ninon klang voller Elan und sagte ihren Tumorherden erneut den Kampf an. Und trotzdem gab es immer wieder Rückschläge: Zunehmende Schlappheit, Atemnot, schwere Hustenattacken. Neu entdeckte Metastasierungen.

Das Leben ändert sich

Ninon und Rudi heirateten still und ohne große Ankündigung und verbrachten die Flitterwochen auf Usedom, von wo sie Bilder schickte, auf denen sie mit dem typischen Tuchturban zu sehen war, denn durch die Chemo waren ihr auch alle Haare ausgegangen. Viele Freunde zogen sich komplett zurück, weil sie nicht wussten, wie sie sich Ninon gegenüber verhalten sollten. Anrufe wurden weniger. Im letzten Sommer kauften die beiden sich ein klitzekleines, einsam gelegenes Häuschen mit einem wunderbaren Garten vor den Toren Berlins, weil es für Ninon immer beschwerlicher wurde, die gemeinsame Wohnung im fünften Stock  ohne Fahrstuhl zu erreichen. Von den wenigen verbliebenen Freunden schüttelten die meisten den Kopf. Unterschwellig konnte man heraushören, dass sie sich fragten, warum die beiden sich das aufhalsten und ob sich das „denn noch lohnen würde“. Trotzdem: Ninon war glücklich. Das hatte sie sich immer gewünscht, und Rudi wollte ihr die verbleibende gemeinsame Zeit so schön wie möglich machen. Er arbeitete inzwischen nur noch halbtags, um sich um Ninon kümmern zu können; allein war sie nur noch eingeschränkt mobil.

Und heute?

Vor einem Jahr um diese Zeit schrieb mir Ninon stolz, dass sie es geschafft habe, ein paar Blumen zu pflanzen, ohne zu sehr aus der Puste zu geraten und das sie sich einen Plan für eine kleine Teichanlage ausgedacht hätte. Sie wäre glücklich, alles sei so wunderbar grün, und für sie würde es reichen, wenn sie jeden Morgen aufwachen und die Vögel zwitschern hören dürfte. Dann würde sie sich einen sonnigen Platz im Garten suchen und versuchen, ein paar kleinere Arbeiten zu erledigen.

Dieses Jahr um diese Zeit schafft Ninon es gerade, von der Küche auf die Terrasse zu gehen und sich dort in einen Stuhl zu setzen. Seit einiger Zeit ist sie Heimsauerstoffpflichtig, zudem hat ein mobiles Sauerstoffgerät, das gut 2,5 Kilo wiegt und sie in ihrer Mobilität noch mehr einschränkt. Haushalt und Garten hat Rudi komplett übernommen. Ninon kann nichts mehr machen, das Schreiben einer E-Mail bringt sie an den Rand ihrer Kräfte. Manchmal wünscht sie sich vor einer Untersuchung, dass sie einfach friedlich einschlafen und nicht mehr aufwachen würde.

***

Ich habe mich oft gefragt, wie es aussehen mag in ihr, ob sie nicht manchmal laut schreien möchte und sich fragt, warum ausgerechnet ihr das passiert und was sie denn getan hat, um das erleben zu müssen. Wie es aussieht in Rudi. Was fühlt ein Mensch, der weiß, dass sein Partner über kurz oder lang sterben wird? Hofft er manchmal, dass es doch bitte bald vorbei sein möge, weil er einfach nicht mehr kann? Und meldet sich dann nicht sofort das schlechte Gewissen, weil man sowas nicht denken darf? Ninon sagt, die Krankheit macht alles umso schwerer, OLYMPUS DIGITAL CAMERAwenn der andere gesund ist. – Wir schreiben über die Dinge, auch wenn es mir nicht immer leicht fällt, diesen direkten Dialog mit ihr zu führen. Oft fürchte ich, sie zu verletzen, zu neugierig zu erscheinen oder ihr zu nahe zu treten. Sie wünscht sich, dass ich ihr ganz normal von meinen Erlebnissen berichte, weil sie so ein wenig am Leben teilhat. Sie selbst hätte nichts mehr zu berichten. Und obwohl ich weiß, dass sie es sich wünscht, wenn ich ihr von Urlauben, von meinen Tieren oder täglichen Ereignissen berichte, so schäme ich mich oft. Was sind all diese Nichtigkeiten gegen das, was ihr Leben bestimmt? Wie kann ich ihr da auch nur annähernd etwas entgegensetzen? Und doch: Wäre man selbst in ihrer Situation, würde man es nicht selbst so wollen? Auf mitleidsvolle Mienen der Mitmenschen verzichten? Auf vorsichtiges um-den-Brei-herumreden? Möchte man nicht selbst einfach nur ganz normal behandelt werden? Ninon sagt, helfen kann ihr nun mal keiner, jeder stirbt für sich allein.

Vielleicht hat der da oben oder was auch immer beschlossen, dass es an der Zeit wäre, endgültig „uff Bude“ zu gehen. Diesen Satz werde ich immer hören, wenn ich an sie denke. Und dann sehe ich sie, wie sie da steht in ihrem Bademantel. Das ist Ninon.

Auf medizinisch-korrekte Einzelheiten wie Krebsprävention, den genauen Krankheitsverlauf mit all seinen Symptomen, der Nennung möglicher Therapieformen, Statusklassifizierungen oder die genaue Statistik der sogenannten „Fünf-Jahres-Überlebensrate“ verzichte ich, denn auch ich bin nur ein Laie; zudem geht es mir hier allein um den persönlichen Bericht. Alles andere kann der interessierte Leser gerne im Internet recherchieren.

Nachtrag Oktober 2015:

Hoffnung keimt auf – es gibt eine neue Immuntherapie aus den USA, und Ninon gehört zu denjenigen, die diese Therapie ausprobieren dürfen. Ende des Monats sollen erste Ergebnisse vorliegen. Ninon und Rudi blicken ganz weit nach vorne und haben sich ein kleines Grundstück gekauft, auf dem ein Fertighaus entstehen soll; sie freut sich darauf, den Garten planen zu können. Ich drücke beiden von ganzem Herzen alle Daumen, dass sie ihr gemeinsames Leben so leben und gestalten können, wie sie es sich jetzt und hier wünschen. Und das wir wieder alle zusammen im nächsten Sommer unter Lampions sitzen werden.

www.pharmazeutische-zeitung.de

www.lungenkrebs.de

www.rki.de

http://de.wikipedia.org/wiki/Bronchialkarzinom

 

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