„Tut uns leid – die Hannelore ist ausgestorben.“ – Von (Un)Namen, die die Welt erobern

Eine liebe Freundin von mir wurde vor einigen Tagen zum ersten Mal Tante. Nach  ausgesprochenen Glückwünschen erkundigte  ich mich neugierig nach dem Vornamen des neuen Erdenbürgers: „ Mika“  sollte der Knabe heißen, und das, finde ich, ist ganz in Ordnung. „Mika“ erinnert an den sympathisch-finnischen Rennfahrer Mika Häkkinnen, der lustige Werbespots für Mercedes drehte, mir aber karrieretechnisch mangels Interesse am Motorsport nicht im Gedächtnis geblieben ist.  „Mika“  heißt auch der britische Sänger, der 2007 mit seinem Song „Grace Kelly“ die Charts eroberte. Im Großen und Ganzen sorgt „Mika“  für positives Befinden. Es hätte schlimmer kommen können.

Und es kam schlimmer  

Peter, Michaela, Stefan und Meike: Anfang der 70ger war die Namenswelt noch in Ordnung

Peter, Michaela, Stefan und Meike: Anfang der 70ger war die Namenswelt noch in Ordnung

 Ich selbst stamme aus einer Zeit, in der Mädchen bodenständig Susanne, Kerstin und Simone und Jungs Michael, Frank oder Ralf getauft wurden. Weil Oma und Opa sich so darüber freuten, bekam jedes Kind zudem noch deren Vornamen als Zweitnamen.  Aus  klein-Torsten wurde Torsten Friedrich, aus Petra  Petra Gudrun.  In den 80gern geborene durften sich über Namen wie Stefanie, Daniela, Matthias oder Patrick freuen – Glück gehabt, denn spätestens seit Anfang der 90ger nahm der Trend zum augenscheinlich ausgefallenen  Namen zu. Werdende Eltern orientieren sich dabei gerne an Prominenten („Sparrow James Midnight“ (Nicole Ritchie), „Fifi Trixibelle“ und „Heavenly Hiraani Tiger Lilly“ (Bob Geldorf) oder „Poppy Honey“, „Daisy Boo“ und „Petal Blossom Rainbow“ (Jamie Oliver) ) oder Filmfiguren. Gibt es im eigenen Leben nichts, was mit Originalität und Leistung glänzen kann, soll wenigstens die Einzigartigkeit des eigenen Sprößlings hervorgehoben werden.

So findet man im Netz Wohlklingendes wie „Luca Bushido“ oder „Kay One Kenneth“. 2012 gab in Mannheim die „stolze Schwester Sophia Kader Saphire die Geburt ihres Bruders Leander Nathanael Constantin“ bekannt. Stars Wars-Fans ehren ihren Nachwuchs mit  „Anakin Dean“, Leverkusener Eltern ließen ihre Mitbürger 2013 wissen, was sie am allerliebsten trinken, nämlich Hochprozentiges. Ihre Zwillinge heißen „Johnnie Walker“ und „Jack Daniel“. Wer sich nicht zwischen Moderne und Tradition entscheiden kann, nennt seinen Jungen schlicht „Lennox Udo“. Freunde von Kinderserien aus alten Zeiten dürfen ihre Brut „Schokominza“, „Pumuckl“ und „Siebenstern“ nennen. Besonderen Humor zeigten die Berliner Eltern meiner im Jahre  1991 geborenen  und mit wunderbarem rotem, langem  Haar begünstigten Kollegin – sie trägt den schönen Namen „Arielle“ und ist es gewohnt, nach Nennung ihres Namens zunächst in sinnbefreite, dann erheiterte Gesichter zu blicken und „Ja nee – is klar! – Und richtig?“ zu hören. Namen wie „Blaubeere“, „Windsbraut“ und „Dschingis-Josef“ sind staatlich anerkannt.  Ich darf mich auf Zeiten freuen, wo meine Zahnärztin mir ein wohlgelauntes „Darf ich mich vorstellen: „Bulette Hoppenstedt! Dann wolln wa mal!“ entgegenschmettert und die Werkstatt meines Vertrauens mit „Winnetou’s Car Service“ wirbt.

Hoppla, was ist denn hier passiert??? Eine gewagte "Carmen" 1977

Hoppla, was ist denn hier passiert??? Eine gewagte „Carmen“ 1977

Chantal, Kevin und Emil

Eine weitere Subkultur der Namensgebung ist der sogenannte „Chantalismus“ (Mädchen) oder „Kevinismus“  (Jungen). Laut Uncyclopedia haben „an Kevinismus Leidende empfindliche synaptische Störungen, menschlichem Nachwuchs sozialverträgliche Namen zu geben. Ungeachtet, ob es sich um imaginären Nachwuchs in einer Diskussion oder ob es sich um den tatsächlichen, geborenen Nachwuchs handelt; sie favorisieren stets grausam exotische Namen, die ungeachtet der späteren Entwicklung des Kindes zu gesellschaftlichen und familiären Nachteilen führen.“      

Kevin- und Chantalismus-Kinder führen üblicherweise einen Doppel- oder Dreifachnamen und werden sozial eher minder gestellten Schichten zugeordnet. Gecastete Boygroups bestehen  aus den Brüdern „Rocco Maurice“ und „Justin Maddox“. Trifft man im Bus auf eine Gruppe  Mädchen, die sich gegenseitig ihre Handys zeigen und dabei ein ums andere Mal  „Jaz Jay ist sooo süüüüss!“ – „Aber Brandon Leigh ist viel süüüüüsser!“  kichern, darf man ohne zu zögern „ Zoe Tiara Kimberley“, „Mandy  Soraya“ oder „Savannah Cheyenne“ in die Gruppe rufen – eine reagiert bestimmt. Und wer kennt nicht die „echt wahren“ Zitate à la

 

  • „Frau Schmitz, Frau Schmitz, darf Godzilla mit zum Spielplatz kommen?“ (Nachbarskinder zur  Mutter der achtjährigen Graziella)
  • „Schajenn, komma bei die Schuhe!“ (1998 C & A Dortmund)
  •  „Kim, du Bitch. Wo is denn Cedrik?“
  • „Üffes! Komm mal her!“ (Mutter ruft den kleinen Yves auf dem Spielplatz in Köln zu sich)
  •  Mutter und ein 3- bis 4-jähriges Mädchen im Supermarkt. Die Mutter ist schon an den Kühlregalen, die Kleine macht sich am Obst zu schaffen: Mutter ruft durch den Laden: „Schakke-line, komma bei Mama jetz! Nein, kein Apfel, wir hatten Kaugummi ausgemacht!“

In sozial-pädagogisch geprägten Mittelschichten und  Akademikerkreisen hingegen lässt sich seit wenigen Jahren der Trend zum  „Emilismus“ verfolgen.  Im elterlichen Bemühen,  ihrem Kind einen möglichst althergebrachten und nach guter Kinderstube klingenden Namen zu verpassen, stehen hier an vorderster Stelle „Charlotte“, „Hannah“ und  „Sophie“  sowie „Alexander“, „Simon“ und „Jakob“. Und natürlich der kleine Emil.

Ein erster zukunftsweisender Blick: Das Retroeis Sommer 2015 mit einem typischen Vornamen aus den 70ger Jahren

Ein erster zukunftsweisender Blick: Das Retroeis Sommer 2015 mit einem typischen Vornamen aus den 70ger Jahren

Gerne auch „Emil Karl Anton“.  Rein namenstechnisch erwartet man von diesen Kindern von Geburt an, dass sie mit drei zum Geigen- und Cellounterricht gehen, mit fünf Turniere auf dem eigenen Pony gewinnen, ab sechs eine stattliche Karriere als LaCrosse-Spieler anstreben und später mal Herzchirurg oder zumindest Anwalt werden. Und tatsächlich stehen die Chancen nicht schlecht, denn eine veröffentlichte Studie der Universität Oldenburg zeigt auf, dass  bestimmte Vornamen bereits in der Grundschule Vorurteile hervorrufen, was Verhalten und Fähigkeiten der Kinder betrifft. So wurden Kevin, Jason, Mandy und Chantalle als negativ, aus sozial schwachen Schichten kommend  und mit Hang zur Verhaltensauffälligkeit wahrgenommen , während Kinder mit  Namen wie Paul, Alexander, Sarah und Isabell automatisch als fleißige Kinder aus gutbürgerlichem Milieu mit guten Bildungsvoraussetzungen eingestuft wurden.

Zukunftsweisend dürfte sich die Wahl des richtigen Vornamens auch auf die zukünftige Partnerwahl auswirken: Der Flirtfaktor auf Singlebörsen zum Beispiel steht und fällt bereits mit Angabe des Vornamens: Während Luca, Lena, Finn und Anna äußerst attraktiv wirken, werden Horst und Renate wohl auf ewig Single bleiben.  Und wer vermag vorauszusagen, wie junge Eltern ihre Kinder demnächst nennen werden? Trendforschern zufolge wird es zurück in die 40ger und 50ger Jahre gehen:  Karin, Ursula; Helga oder Manfred, Jürgen und Rolf feiern Wiederauferstehung – als Doppelname könnte der klassische Hans-Peter ein großes Revival erfahren.

http://chantalismus.tumblr.com/

http://de.uncyclopedia.wikia.com/wiki/Kevinismus

http://www.zeit.de/online/2008/15/deutsche-vornamen

http://www.vorname.com/news_vornamen_namen_genehmigte_erlaubte_verbotene_zugelassene_maedchennamen_jungennamen_namenberatungsstelle.html

http://www.vorname.com/kuriose_vornamen.html

 

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