Schöne heile Welt: Bergferien in den 70gern

Da liegt er vor uns - der Hof von Franz und Fina auf dem Freiberg

Da liegt er vor uns – der Hof von Franz und Fina auf dem Freiberg

In den 70gern war die Welt noch gefühlt  in Ordnung. Ferienzeit bedeutete lange heiße Sommer. Blieb man zuhause, ließ Oma morgens mit dem Gartenschlauch Wasser in das aufblasbare Planschbecken laufen mit der Ermahnung, es erst ab mittags zu benutzen, da das Wasser noch zu kalt sei und man sich so „den Bauch verkühlen“ könne.  Um halb zehn gab es die amerikanische Sesamstraße mit Bibo und Oskar aus der Tonne, mittags Kirschfruchtsuppe mit Eiweißklößchen. Von eins bis drei war Mittagsruhe. Danach traf man sich mit Freunden zum Fahrrad fahren oder Cowboy spielen mit Zündplättchenrevolvern, durfte sich am Kiosk ein Minimilk kaufen und für 20 Pfennig gemischtes in der weißen Tüte mit den blauen Sternchen. Manchmal ging es auch mit Oma in die Stadt, wo man an sehr guten Tagen und mit viel Glück ein Softeis bekam, denn in diesem lauerten laut Oma „kleine grüne Tiere, die krank machen“. Wir haben Kirschblüten ausgesaugt, weil das so schön süßlich schmeckte, und Marienkäfer vom Ginster gesammelt. Und dann hatten auch endlich die Eltern Urlaub!

Die große Reise beginnt

Pipipause :)

Pipipause 🙂

Da der Großteil unserer Verwandtschaft aus Österreich stammt, lautete das Reiseziel jedes Jahr „Hohe Berge!“ In den späten 60gern fuhr mein Vater einen himmelblauen Ford Taunus mit weißem Dach, später dann einen sandbeigen Ford Sierra. Beide Wagen mussten ordentlich Koffer fassen, da wir zu fünft reisten: Mama, Papa, Oma, Opa und ich. Was nicht in den Kofferraum passte, wurde auf einem Dachgepäckträger verstaut.  Losgefahren wurde nachts um Zwei, was von einer gewissen Aufgeregtheit und dem Duft nach Kaffee im ganzen Haus begleitet wurde. Nichts vergessen? Alle Fenster zu? Türen abgeschlossen? Dann hinaus in die kühle Nacht und los! Zum Ritual gehörte es, morgens gegen sechs am Rasthof Kassel zu frühstücken und sich ein wenig die Beine zu vertreten, bevor wir gegen Mittag Krakauebene und den Freiberg erreichten.

 

Willkommensbild :) In der hinteren Reihe Onkel Franz und Tante Fina, rechts meine Mutter, vor Onkel Franz icke

Willkommensbild 🙂 In der hinteren Reihe Onkel Franz und Tante Fina, rechts meine Mutter, vor Onkel Franz icke

Ankunft bei der Verwandschaft

Hier wohnten Tante Fina und Onkel Franz, auf deren Hof wir einige Tage verbringen wollten. Zuvor wurde auf halben Weg bei Cousine Erna gehalten, deren Familie sechs Kinder und einen großen Hund umfasste, meistens einen Bernhardiner, der einen zur Begrüßung  stürmisch umwarf. Zu dreizehnt quetschen wir uns um den Küchentisch und bekamen sagenhaft mächtige, zuckerlastige und großartig leckere Cremetorte, die ich so nie wieder in meinem Leben bekommen habe. Zum Schluss wechselten Tüten von C&A (oder „Brenninkmeyer“, wie Oma es nannte) die Besitzer, da Österreich damals noch als Entwicklungsland in Sachen Mode galt und wir die Verwandtschaft dahingehend ganz nach vorne bringen wollten.

Ca. 1 Kilometer weiter bergauf lag der Hof von Tante Fina und Onkel Franz. Es gab einen aus einem Baumstamm geschnitzen Brunnen vor dem Haus; das war unsere Wasserquelle, hier wurde sich auch jeden Morgen gewaschen. Links davon lag, getrennt durch einen kleinen Weg, der Stall, rechts Wiesen. Ein paar steinerne Stufen führten ins Haus. Böden und Wände waren aus dunklem Holz. Zur rechten lagen 2 Schlafzimmer, links eine kleine Vorratskammer, die voll war mit Speck, Fleisch, Eiern und Milchprodukten. Einen Kühlschrank gab es nicht. Geradeaus ging es in die Wohnküche.

Der imposante Hof von Onkel Franz und Tante Fina

Der imposante Hof von Onkel Franz und Tante Fina

Links hinter der Tür stand eine Bank, auf der wir Kindern uns lümmelten, daneben ein Kachelofen. Die Fensterfront war mit kleinen Butzenfenstern durchzogen; hier standen Holzherd und diverse Spülbecken. Rechts in der Ecke gab es einen großen quadratischen Tisch mit Bänken, an dem sich die Familie versammelte.

Geschlafen wurde im oberen Stockwerk mit seinen ausgetretenen Dielen, die ordentlich bei jedem Schritt knarzen – herrlich! Nachdem ich einmal im unteren Stockwerk schlafen musste und in der Nacht wie am Spieß geschrien hatte, weil ich meinte, die ganzen aufgehängten Heiligenbilder würden mich anstarren, durfte ich bei Oma und Opa im Zimmer schlafen. Vor meinem Kinderbett lag das Fell von Fido, dem überfahrenen Familienhund. Unglücklicherweise hatte Onkel Franz ihn beim Rückwärtsfahren mit dem Trecker nicht gesehen. Da er so hübsch war, beschloss man jedoch, ihn als Bettvorleger in Ehren zu halten. Seine Nase war ganz hart und knubbelig, aber seine Ohren, das weiß ich noch,  zart und weich.

Am Morgen wurde man durch Sonnenstrahlen und das Gluckern des Brunnens geweckt, vor den offenen Fenstern hingen prächtig rote Geranien. Der morgendliche Toilettengang erfolge an Omas  Hand, die  mich sicher durch das Weidegatter über die Wiese zum sogenannten „Doppeldecker“ führte,  einem Klohäuschen mit zwei Plumpsklos verschiedener Sitzhöhe nebeneinander, ein großes für die erwachsenen und ein niedrigeres für die Kinder. Hier saßen wir einträchtig nebeneinander und lauschten dem Glockengeläut der weidenden Kühe. Es gab auch noch ein Plumpsklo im Haus in der ersten Etage, das sich wie ein Schwalbennest an die Hauswand schmiegte. Statt der Tür gab es einen roten Vorhang, in die zum Weg gewandete Seite war ein fensterloser Ausguck ins Holz gesägt worden; so konnte man während der Sitzung  genau beobachten, wer da des Weges kam und nebenher noch ein kleines Schwätzchen halten.

Die Kinder versammeln sich - ein neuer glücklicher Tag!

Die Kinder versammeln sich – ein neuer glücklicher Tag!

Glückliche heile Welt

Es waren unbeschwerte Tage. Die Sonne ließ die Luft flirren, wenn wir im Gras lagen. Grillen zirpten, gelegentlich schlängelte sich eine Blindnatter vorbei. Wir sammelten Walderdbeeren in emaillierten Bechern und bekamen ordentlich Zucker und frischen Rahm darauf. Wir bauten kleine Staudämme aus Steinen am Bach und flochten Blumenkränze aus Margeriten. Nachmittags kraxelten wir den Abhang hoch und trieben die Kühe zum Melken in den Stall. Neben dem Misthaufen gab es eine eingezäunte Sandkuhle, in der wir mit unseren Barbies spielten. Als unsportliches Kind lernte ich, im Affenzahn über hohe Weidezäune zu klettern, wenn uns Haflingerstute Alma erbost verfolgte, weil meine Großcousine ihr mal wieder ein paar Kiesel gegen den prallen Pferdehintern geworfen hatte.

Ein Pferd, ein Pferd! - Alma wird gefüttert

Ein Pferd, ein Pferd! – Alma wird gefüttert

Es gab immer ein paar kleine Kätzchen, die man bekuscheln konnte. Retrospektiv kommt mir diese Zeit wie eine Mischung aus „Michel aus Lönneberga“ und einem Peter Alexander-Film vor.

In den 70gern war es der natürliche Zustand eines Kindes, draußen zu spielen, mit echten anderen Kindern in echter Natur. Es gab weder Handys noch das Internet geschweige denn Computer, auch keine Spielekonsolen für den Fernseher – „Wir hatten ja nix!“ 😉  Das waren tolle Ferien. Die Tage waren ewig lang, es gab nichts, um das „man sich kümmern musste“. Dieses Jahr fahren wir nach vielen, vielen Jahren wieder nach Österreich, wenngleich auch nicht auf den Freiberg. Onkel Franz ist längst verstorben, Tante Fina lebt weit über 90jährig bei einem ihrer Kinder, der Hof gehört jetzt moderneren Bauern. Trotzdem gibt es noch genug Pfade, die ich gehen kann, und mal schaun, vielleicht wird es ja ein 70ger-Sommer – ein ganz klein bisschen… 😉

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